Schlecht drauf am Ende der Welt
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Die Nacht am Fluss des Yangma-Tals war merkwürdig. Dafür, dass es so ein anstrengender Tag war, habe ich sehr schlecht geschlafen. Auch Pemba erzählte mir, er hätte böse Träume gehabt, ließ aber nicht mehr aus sich rausholen. Laut unserer Beschreibung sollte es ein relativ einfacher Weg bis nach Olongchun sein. Wir sollten mittags dort eintreffen und am nächsten Tag einen Restday einlegen. Olongchun ist ein ziemlich abgelegener Ort mit einem über 450 Jahre alten Kloster, deren Bewohner wohl schon traditionell immer weit gereist sind und vom Handel leben.

Landwirtschaft gibt es keine. Ich malte mir ein Dorf in der Art Manangs, nur eben im östlichen Himalaya aus. Und so falsch sollte meine Vorstellung nicht sein. Doch erstmal zurück zum Anmarsch. Die schlechte Nacht war ein erstes Vorzeichen. Nach ungefähr eineinhalb Stunden normalen Gehens über ziemlich steinschlagreiche Schutthalden (nicht ganz ungefährlich dort in der Morgensonne!) brachen meine Kräfte vollkommen ein und ich fiel zurück. Ich war schwach und musste atmen, als würde ich unakklimatisiert einen 5000er besteigen. Wackelige Beine hatte ich ebenfalls.

Pemba und Ang Dawa warteten netterweise auf mich. Ich musste mich jedoch richtig quälen. Der Weg war im zweiten Abschnitt weniger schwierig, ein typischer Schluchtweg, teilweise als Galerie in die senkrechten Felswände gehauen. Ich litt fürchterlich. Mein Vorräte waren schnell erschöpft. Und ich erreichte Olongchun, welches hinter einem erodierten Moränenzwickel in einem Nebental verborgen liegt, erst um 15 Uhr, wenige Minuten nachdem die Sonne untergegangen war. Glücklicherweise war es nicht sonderlich kalt.

Dafuri , Pemba und Ang Dawa empfingen mich mit heißem Buttertee und neuen Zigaretten. Wirkliche Freudensprünge machte ich deswegen nicht. Ich wollte nur etwas Essen und mich ausruhen. Glücklicherweise fanden wir eine frisch gebaute Lodge und eine wärmende Küche in dem alten, sehr schönen Holzhaus daneben. Das Dhal Bhat schlang ich runter, wenngleich es mir nicht schmeckte. Selbiges galt für das chinesische Bier, welches aufgetrieben wurde. Es stellte sich raus, dass die Leute aus Olongchun intensiven Handel mit Tibet betreiben und nahezu alle ihre Güter aus China und nicht aus Nepal bezogen. Ein Pass, zu dem die Chinesen nun eine Straße bauen, ist nur einen langen Tagesmarsch entfernt.

Pemba meinte: „Good place here, they don’t have any own items, that’s why they keep everything. Here they have everything.“ Recht hatte er. Dadurch, dass es keine Bauern, sondern Händler waren, waren die Vorratskammern voll. Bei den vorherigen bäuerlichen Dörfern haben sie immer nur eine Sache gehabt – entweder Kartoffeln oder Reis. Hier gab es alles, auch Lhasa Beer und Zigaretten. Mir war das alles erstmal herzlich egal, ich wollte mich ausruhen. Das tat ich auch. Die Nacht war wohl gut. Ich habe keine Erinnerung an sie.

Frisch war ich am nächsten Morgen trotzdem nicht. Irgendetwas Bleiernes lag auf mir. Es war unser Restday. Wäsche waschen war nicht, da das Wasser bis zum Nachmittag brauchte, um aufzutauen und danach würde die Wäsche nicht mehr trocknen. Ich begleitete die Jungs zur Gompa (Kloster). Wir kauften uns eine Zeromonie, die Pemba nach seinem Traum sehr wichtig war, und ließen uns durch den örtlichen Lama erneut segnen. Ich versuchte, ein paar gute Bilder einzufangen.

Da es Sonntag war und ich mit meiner Frau verabredet hatte, mich sonntags immer zu melden, rief ich sie mit dem Satellitentelefon an. Sie hatte keine guten Nachrichten. Meine Kinder waren beide krank, die größere sogar so stark, dass sie am Samstag ins kurz ins Krankenhaus mussten. Zusätzlich setzte meiner Frau ihre horrende Arbeit im Referendariat zu. Sie machte einen sehr überforderten Eindruck. Sie tat mir leid. Ich schilderte ihr meine Sorgen. Langeweile, Hunger, Schwäche, Kälte. Beidseitig entschlossen wir uns, die Zähne zusammenzubeißen, es half ja alles nichts. Es war schön sie zu hören, allerdings kamen nun noch neue Sorgen hinzu. Den Nachmittag verbrachte ich trübsinnig in meinem Schlafsack.

Nach vielen langen Stunden allein rief mich Puchhetar zum Dinner. Die Jungs hatten Fleisch aufgetan, darauf waren sie sichtlich stolz. Pork – Schwein! Mein mitgebrachter Tiroler Speck kam nämlich – der kontinuierlichen Abnahme seines Umfangs nach zu urteilen – sehr gut an. Nun sollte wohl eine nepalesische Variation folgen. Der erste Bissen schmeckte scheußlich. Mir war aber alles egal. Ich aß auf. Was darauf folgte ist ein neues Kapitel.

2 Kommentare

01.02.2017

Du solltest Bücher schreiben!


03.02.2017

Wo bleibt das nächste Kapitel

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