Resümee
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Man sollte meinen, der deutsche Wortschatz umfasst genügend Adjektive, um ein Gefühl passend zu beschreiben. Mir erscheint es aber im Moment unmöglich, die richtigen Worte zu finden. Deswegen benutze ich jetzt lieber zwei Buchstaben: O.K.! Für mich ist es “O.K.” wie es gelaufen ist.

Schaut man sich den Prolog Film an, sind wir uns sehr treu geblieben. “Der Weg ist das ZieL” heißt es dort. Und dass der Weg nun für mich deutlich kürzer war als geplant, gehört nun eben dazu. Ich habe sehr viel gelernt und ich finde es schön, dass ich mit 35 Jahren noch offen bin und nicht in Frustration verfalle, wenn es plötzlich ganz anders kommt als geplant.

Drei Ebenen waren von Anfang an bedeutend: Freundschaft, Abenteuer und Klima(-wandel). Mit jedem dieser Themenbereiche wurden wir intensiv konfrontiert. Und das macht mir Freude und bestärkt mich auch jetzt nach meiner Rückkehr.

Eine Expedition unterscheidet sich von einer Reise dadurch, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr planbar sind. Und auch dadurch, dass man in aufkommenden Situationen auf sich allein gestellt ist. Entscheidungen müssen von einem selbst getroffen und mit ihren oft nicht unmittelbar absehbaren Folgen eigenverantwortlich getragen werden. So war es auch hier.

Bereits in meinem Blogpost #8 habe ich geschrieben “Ich habe mit fast allem gerechnet, aber damit nicht! Ich hatte mich auf bittere Kälte, plötzlich Schneeeinbrüche, Erfrierungen, Verletzungen und mentale Durchhängephasen eingestellt, aber nicht auf einen Knock Out durch Durchfall!”. Die Entscheidung, des “Ausflugs” per Helikopter halte ich (unabhängig von den Bestätigungen durch Pemba, der behandelnden Ärztin, meiner Versicherung, meiner Familie, meinen Freunden und dem Großteil meiner Sponsoren) für richtig. Risiko minimieren, rational bleiben und die Folgesituationen besonnen und nach bestem Bemühen angehen. Ich habe diesbezüglich ein reines Gewissen.

Pemba und das Team haben ihr Bestes gegeben, um unseren abenteuerlichen Versuch trotz meines Ausfalls weiter zu bringen. Es hat nicht sollen sein. Schon der noch existierende Altschnee in den Nordhängen bedeutete große Schwierigkeiten. Unsichere Wetterverhältnisse und dann ein Schlechtwettereinbruch beendeten auf einen Schlag den Versuch, die Highroute des Great Himalaya Trail erstmalig im Winter zu komplettieren.

Die Richtigkeit Pembas Entscheidung zweifelte ich keine Sekunde lang an. Pemba hat eine unglaubliche Erfahrung. Wenn die Sherpas zweifeln und einen Entschluss zur Umkehr fassen, dann ist dieser richtig. Schwieriger war die Entscheidung darüber, was nun folgen sollte, da uns der Weg über die hohen Pässe nun versperrt blieb. Zwei Tage machte ich mir Gedanken. Am wichtigsten war mir, dass wir uns in den Bergen wiedertreffen. Doch sollten wir den Trek auf der Low-Route in Höhen zwischen 1500 und 3000m fortsetzen? Was würde es dem Projekt bringen? Mehr Strecke, mehr Tage, klar. Aber: Deswegen haben wir dieses Projekt nicht in Angriff genommen.

Es war als ein Versuch geplant – so haben wir es immer genannt – und ein Versuch ist es geblieben.

Einen gemeinsamen Abschluss haben wir dann gefunden. Wir sind als Freunde noch näher zusammengewachsen. Gerade Schwierigkeiten führten uns erneut die Ähnlichkeiten unserer Gefühle und Einschätzungen vor. Eine Verbindung, die ich ebenfalls schlecht in Worte fassen kann. Ebenso in den Augen von Pembas und meiner Frau: Die gleiche Wertschätzung für unsere Entscheidung. Ein behütendes Gefühl der Verbundenheit.

Jenseits des Projekts konnte ich viel über mich selber erfahren. Der erzwungene Timeout gab dafür genügend Zeit. Es war eine zwanglose Zeit, wie ich sie lange nicht hatte. Zeit, die mir ermöglichte, mich und meine Art zu arbeiten zu reflektieren. Als Resultat daraus werde ich Einiges ändern. Ich tue es schon, nicht aus Enttäuschung, nicht aus Selbstzweifeln heraus, sondern eher als ein Ergebnis einer gründlichen Justierung meiner eigenen Wertschätzung.

Ich habe Geduld und Muße mitgenommen. Nicht als ein kurzzeitiges, unverstandenes Gefühl, welches man aus dem Urlaub mit hinüber retten möchte und welches sich schnell im Alltag verflüchtet. Nein, vielmehr als eine innere Erkenntnis, ein Weg zu sich selbst, der eine Eichung der Wegrichtung, die es zu gehen gilt, erst möglich macht.

Das Projekt hat mir gezeigt, dass nicht der Weg selber das Ziel ist, sondern das, was man auf dem Weg findet. Was einen dorthin führt. Womit man nicht gerechnet hat. Meine größten Schritte habe ich folglich vollkommen unerwartet in den langen Erholungstagen in Kathmandu gemacht. Ich werde dem Reisen und meinen Freunden in der Welt treu bleiben, definitiv, aber ich werde zukünftig versuchen, große Umwege zu vermeiden.

1 Kommentar

23.02.2017

Vielen dank, dass wir an deinem Abenteuer teilhaben durften.
es hat mir echt spaß gemacht, deine berichte zu lesen.
Es ist nur schade, dass dies der letzte war.
Für die idee und den versuch, den GHT im winter zu behen, und vorallem für den mut zu sagen, dass hier jetzt schluss ist, hast du meinen vollen respekt.
Ich wünsche dir weiterhin alles gute,
Sascha

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