Trying is best!
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Während ich meine Zeit in Kathmandu friste und langsam anfange, die erzwungene Tatenlosigkeit durch sinnvolles nachdenken und lernen zu nutzen, machen Pemba und die Crew einen entscheidenden Versuch: Die vier Sherpa wollen den schwierigsten Abschnitt des gesamten Projekts innerhalb einer guten Woche durchziehen. Zunächst verläuft die Route durch das allen unbekannte, menschenleere Barun-Tal bis hinauf zum Makalu BC. Dort kennt Pemba sich bestens aus, schließlich hat er den 8481m hohen Berg schon drei Mal bestiegen. Von dort soll es über den Sherpani Col (6180m) und West-Col (6135m) hinab ins obere Hunku-Valley gehen. Über den 5780m hohen Amphu Labtsa Pass dann hinab in den Khumbu, wo wir uns wieder treffen wollen.

Dieser Abschnitt stellt mit Sicherheit die Königsetappe der Expedition dar und es ist ein unschönes Gefühl für mich, nicht dabei sein zu können, sondern seinem Team nur aus der Ferne zuschauen zu können. Auch wenn ich kein Sportler bin, scheint mir hier das Bild eines verletzten Mannschaftskapitäns auf der Bank bei einem entscheidenden Turnierspiel als sehr guter Vergleich.

Was bleibt mir? Ich kann nur in den Khumbu fliegen, das Mt. Everest Gebiet. Für andere klingt das vielleicht nach einem ganz großen Traumziel. Es ist ja auch zweifellos schön und beeindruckend. Aber Dort war ich schon drei Mal und ich wollte ja Neuland entdecken – und damit hatte ich nicht Krankenhauszimmer und Hotelgärten gemeint. Mein “Hunger” dahingehend ist noch nicht gestillt. Aber geht es um mich? Nein! Es geht um das Projekt, eine Mannschaftsleistung und wichtigere Inhalte als persönliche Erfolge beim Trekken oder Bergsteigen. Ich bin stolz auf die Jungs, aber auch auf mich für die Idee und den Biss zur Umsetzung. Und ich glaube fest an einen guten Abschlussfilm, egal wie das Projekt verläuft. Diese Gedanken motivieren mich.

Doch nun zurück zum Bericht. Ich war in Kathmandu, deswegen gebe ich in aller Kürzer wieder, was mir die Jungs berichtet haben. Ich zweifel keine Sekunde an der Richtigkeit von Pembas Einschätzungen. Bereits in Olongchun haben wir erste Anzeichen für schlechtes Wetter beobachtet: Schnell nordwärts ziehende Höhenwolken. Die Strato-Schlieren wurden nun häufiger. Aber trotzdem blieb es tagsüber immer sonnig und trocken. Unter diesen Bedingungen brachen Pemba Jangbu Sherpa, Purcheta Sherpa, Ang Dawa Sherpa und Dafuri Sherpa am 23.01.2017 von Barun Dovan (1100m), einem kleinen Weiler an der Konfluenz des Barun- mit dem Arun-Tal, in Richtung Makalu auf.

Schnell stellte sich heraus, dass der Wegverlauf in der Great Himalaya Trail-Karte vom Himalaya Map House/Robin Boustead falsch ist, und nicht im Südhang (orographisch links), sondern im Nordhang (orographisch rechts) verläuft. Zudem wurde scheinbar von den Bewohnern Barun Dovans nur die erste Tagesetappe ausgebaut (mit finanziellen Mitteln der Regierung) und danach nur der alte, schmale Holzpfad durch dichten Bambuswald belassen.

In der Nordflanke lag ab 2000m teilweise bis zu ein Meter hoher alter Schnee (wohl von Anfang Dezember). Durch die niedrig stehende Wintersonne und die steilen Flanken kommt im Januar nur für eine Stunde täglich Sonne in das Tal. Die Jungs mussten sich richtig quälen, jeden Abend gossen sie becherweise Wasser aus den Schuhen. Sie kamen viel langsamer voran als geplant. Glücklicherweise gab es Holz, so dass abends Feuer gemacht werden konnten.

Nun kam schlechtes Wetter. Einen Tag komplett nur Regen (bei mir in KTM) bzw. Schnee bei den Jungs. Sie entschieden sich zur Umkehr. Der Weg war schon bei guten Bedingungen kaum auffindbar, geschweige denn gangbar. Nun herrschte akute Lawinengefahr. Oberhalb der Baumgrenze, auf lockerem Schutt und Geröll, ist das Risiko, sich bei Neuschneebedeckung die Füße zu verkeilen oder einzubrechen groß. Eine Rettung per Helikopter wäre dort oben nur bei gutem Wetter möglich. Pemba musste sich entscheiden.

Pembas Nachricht zur Umkehr erreichte mich eine halbe Stunde nachdem Funuru mir mitgeteilt hat, dass mein Inlandflug ins Everestgebiet wegen Schnee verschoben werden muss. Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Ich war froh zu hören, dass es ihnen gut ging. Seit Tagen war nun auch schon der Satellitenpeilsender nicht mehr in Bewegung (wie ich später herausbekam, lag es an der zu steilen Topographie und Bewaldung).

Ich betete, dass alle heil rauskommen und wir trotz diesem, vielleicht endgültigen Rückschlag, trotzdem eine Möglichkeit finden, das Projekt gemeinsam zu beenden.

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