Über den ersten Pass
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Allein unter Sherpa. Ich will nicht sagen endlich, aber jetzt ging das Projekt so richtig los. Unsere erste Pass-Etappe stand bevor. Wie immer kamen wir erst etwas später als geplant los. Zunächst ging es ca. eine halbe Stunde wieder talabwärts auf dem gleichen Weg zurück. Doch dann sollten wir endlich die Hauptrichtung des Projekts einschlagen: Westwärts! Ein kleiner, unscheinbarer Pfad durch den bewaldeten aber von der Morgensonne bescheinten Hang bildete den Einstieg auf unsere Hauptroute: Die Highroute des Great Himalayan Trail (GHT).

Wir stiegen in ziemlich gutem Tempo drei Stunden auf, bis wir auf ca. 4200m eine ebene aber schattige Weide (Kharka) fanden, auf der wir unsere Zelte aufschlugen. Es war erst früher Nachmittag als die Sonne hinter die südliche Bergkette sank. Schlagartig wurde es kalt. Da es sich um ein Ost-West ziehendes Nebental handelte, blieben uns aber glücklicherweise die starken Talwinde erspart.

Nach dem obligatorischen Buttertee (immer das erste, was gekocht wird) suchten wir Feuerholz. Einige Wachholder-Zwergsträucher und Rhododendren fanden sich und wir entfachten gleich zwei Feuer. Ein großes um uns zu wärmen und ein kleines zum Kochen. Ich hatte tierisch Hunger.

Die Temperatur im Zelt viel schnell auf -10°C. Leichter Schneefall setzte ein, der beunruhigte uns aber nicht wirklich, da wir das nachmittags schon öfter beobachtet haben. Außerdem konnte man fast immer schemenhaft den hellen Vollmond durch die Wolken erkennen. Nichts dickes also.

Der Sherpa-Stew (Eintopf aus Kohl, Kartoffeln, Reis, Gemüse und etwas Yak-Fleisch) reichte mir nicht wirklich. Ich holte zum Nachtisch noch einen Schokoriegel aus unseren Vorräten für die erste kalte Nacht alleine im Zelt. Morgens war es immerhin wärmer als in Lhonak. Nur -12°C… Glücklicherweise kam die Sonne früh raus.

Zum Frühstück gab’s Tsampa und, Gott sei Dank, noch ein Beutel Trek’n Eat Peronin Müsli. Wir packten relativ schnell ein und begannen den Aufstieg zum Pass. Mit den sich mir noch immer nicht ganz erschließenden und meinem Geh-Rhythmus nicht zusagenden Pausen der Sherpa brauchten wir knapp zwei Stunden bis zum Pass, dem Nango La (4760m). Oben war es etwas windiger und die Sonne konnte den Schnee auf der Passebene und den darauf folgenden Nordhängen nicht wegschmelzen.

Wir begannen gleich mit dem Abstieg. Die Schneebedeckung auf dem losen Geröll machte es etwas ungemütlich. Ich ging vorsichtig. Wir kamen ganz gut voran. Dennoch brauchten wir etwa drei Stunden um bis zu einer Weide (3700m) zu kommen bei der wir glücklicherweise ein Mittagspause einlegten. Noch immer lag Schnee. Ein weiteres Trek’n Eat Gericht, Kaffee und Schoko stärkten mich wieder und wir setzten den Abstieg hinab in das Yangma-Khola fort.

Wir durchstiegen einen dichten, urwaldähnlichen Nebelwald mit teilweise meterdicken, riesigen und sicher uralten Bäumen. Buntgefiederte Vögel und vereinzelte scheue Yaks kreuzten unseren stellenweise kaum mehr sichtbaren Pfad. Dies war sicher einer der schönsten Trekkingabschnitte, die ich jemals gegangen bin. Fernab jeder Zivilisation. Leider konnte ich es nicht angemessen genießen, da die Wegverhältnisse durch den knöcheltiefen Schnee sehr schwierig waren und ich mich darauf konzentrieren musste, wohin ich meinen Füße setzte.

Insgesamt brauchten wir fünf Stunden für den Abstieg. Der Lagerplatz am Fluss lag bei unserer Ankunft bereits im Schatten. Wir wiederholten die Zwei-Feuer-Technik und die Stimmung am Abend war großartig. Wir alle freuten uns den ersten, uns allen unbekannten Pass erfolgreich hinter uns gebracht zu haben. Wir machten eine großen Topf voll Milchkaffe und die Sherpa sangen Lieder. Ich blieb noch lange mit ihnen am Feuer sitzen. Immerhin waren es nur -5°C hier. Ein schöner, lauer Winterabend!

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